Pflanzlich gegerbt oder chromgegerbt? Der Unterschied, den man einem Schuh nicht sofort ansieht

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„Echtes Leder" steht auf vielen Etiketten – aber wie ein Stück Leder überhaupt zu Leder wird, verrät das selten. Dabei macht das Gerbverfahren einen großen Unterschied: fürs Aussehen, fürs Anfassen, für die Haltbarkeit, und ja, auch für die Umwelt. Zwei Verfahren dominieren den Markt, und beide haben eine ganz eigene Geschichte.

Pflanzlich gegerbtes Leder — die alte Handwerkskunst

Pflanzliche Gerbung ist die älteste bekannte Methode, um Tierhaut haltbar zu machen — über 5.000 Jahre alt. Sogar Ötzi trug bereits pflanzlich gegerbte Lederkleidung. Verwendet werden natürliche, tanninreiche Stoffe: Eichenrinde, Fichtenrinde, Kastanien, Akazien, Olivenblätter, teils sogar Rhabarberwurzeln.

Der Prozess ist entsprechend langsam — und unterscheidet sich sogar je nachdem, welcher Teil des Schuhs entstehen soll. Pflanzlich gegerbtes Leder lässt sich nämlich in zwei Kategorien einteilen:

  • Bodenleder (für Laufsohlen, Brandsohlen, Hinterkappen): sehr standfest, teils kaum biegbar — genau dort eingesetzt, wo Festigkeit gefragt ist. Gegerbt wird in Gruben, und das dauert 12 bis 18 Monate.

  • Oberleder (für den Schuhschaft) und Futter: flexibler als Bodenleder, dafür weniger zugfest als chromgegerbtes Leder. Wegen der geringeren Stärke der Häute reicht die Gerbung im Fass — früher 2 bis 4 Wochen, heute mit modernen Verfahren oft nur noch wenige Tage.

Das Resultat, in beiden Fällen: Leder mit hoher Festigkeit (beim Bodenleder), das mit der Zeit eine unverwechselbare Patina entwickelt — es dunkelt nach, bekommt Charakter, erzählt quasi die Geschichte seiner Nutzung. Besonders gut geeignet ist pflanzlich gegerbtes Leder für Bekleidungen aller Art, die ein angenehmes Trageklima aufweisen sollen.

Ein Vorteil, der kaum bekannt ist: pflanzlich gegerbtes Leder wärmt

Der Unterschied liegt tief in der Gerbstruktur selbst. Mineralische (chrom-)Gerbung arbeitet mit kleinen, sehr gleichmäßigen Molekülen, die tief und lückenlos in die Hautstruktur eindringen — praktisch jeder Hohlraum wird mit Gerbmittel ausgefüllt. Pflanzliche Gerbstoffe dagegen bestehen aus sehr unterschiedlich großen Partikeln. Die Folge: Es bleiben feine Lufteinschlüsse im Leder zurück — und Luft isoliert bekanntlich hervorragend. Pflanzlich gegerbtes Leder wärmt dadurch spürbar besser als chromgegerbtes Leder gleicher Stärke.

Das lässt sich sogar ganz einfach selbst nachvollziehen — ein Experiment, das schon in der Berufsschule gezeigt wird: Legt man ein Stück chromgegerbtes und ein Stück pflanzlich gegerbtes Leder über Nacht ins Gefrierfach, fühlt sich beim Herausnehmen nur das chromgegerbte Leder wirklich kalt an. Es leitet die Kälte (und genauso auch Körperwärme) direkt weiter. Das pflanzlich gegerbte Stück dagegen fühlt sich spürbar wärmer an — es isoliert, statt zu leiten.

Chromgegerbtes Leder — die schnelle, moderne Methode

Die Chromgerbung kam Mitte des 19. Jahrhunderts auf (um 1858) und veränderte die Lederindustrie grundlegend: Statt Wochen oder Monaten dauert der Gerbprozess hier nur noch ein bis zwei Tage. Verwendet wird Chromsulfat statt pflanzlicher Tannine. Das Zwischenergebnis heißt „Wet Blue" — benannt nach dem bläulichen Farbton, den das Chromoxid dem Leder vor dem Färben verleiht.

Heute sind weit über 90% des weltweit produzierten Leders chromgegerbt — kein Zufall, denn die Vorteile sind praktisch: weich, flexibel, gut biegsam, deutlich widerstandsfähiger gegenüber Wasser, Hitze und UV-Einflüssen. Die Farbgebung ist gleichmäßiger und leuchtender möglich. Dafür verändert sich chromgegerbtes Leder kaum über die Zeit — es sieht lange „wie neu" aus, entwickelt aber auch keine Patina. Weit verbreitet bei Schuhen, Handschuhen, Jacken und Möbelbezügen.

Und was ist jetzt umweltfreundlicher?

Hier wird's differenzierter, als die meisten Reiseführer durchs Thema es darstellen. Die reflexhafte Gleichung „pflanzlich = automatisch nachhaltig, Chrom = automatisch schädlich" greift zu kurz.

  • Pflanzliche Gerbung nutzt zwar natürliche, biologisch abbaubare Stoffe — braucht dafür aber deutlich mehr Zeit, Wasser und Energie. Auch das entstehende Abwasser muss vor der Einleitung behandelt werden, nicht einfach unbehandelt zurück in den Kreislauf.

  • Chromgerbung läuft schneller und mit weniger Wasser-/Energieeinsatz ab — erzeugt dabei aber chemische Abfälle (die nicht biologisch abbaubaren Chromsalze), die bei unsachgemäßer Entsorgung echten Schaden anrichten können.

Die tatsächliche Umweltbilanz hängt am Ende stark davon ab, wie verantwortungsvoll die jeweilige Gerberei mit Chemikalien und Abwässern umgeht — unabhängig vom gewählten Verfahren. Genau dafür gibt es die Leather Working Group (LWG), einen internationalen Zusammenschluss, der Gerbereien und Lederprodukte nach Umweltkriterien bewertet und zertifiziert (Bronze, Silber, Gold) — ein Weg, tatsächliche Verantwortung sichtbar zu machen, statt sich auf die Gerbart allein zu verlassen.

Kurz zusammengefasst:

  • Pflanzlich gegerbt: langsamer Prozess, entwickelt Patina, hohe Formstabilität, weniger wasserresistent — ideal für Gürtel, Punzierung, strukturierte Lederwaren

  • Chromgegerbt: schneller Prozess, bleibt farblich/formstabil über Zeit, wasser- und hitzeresistenter, flexibler — häufig bei Schuhen, Taschen, Möbeln

  • Umweltbilanz: keine pauschale Antwort — entscheidend ist der verantwortungsvolle Umgang der jeweiligen Gerberei mit Chemikalien und Abwasser

Und welches Leder verwenden wir?

Bei uns kommt ein vollnarbiges Glattleder der Firma Ecopell zum Einsatz — einem deutschen Unternehmen, das sich auf pflanzliche Gerbung spezialisiert hat. Genau die Eigenschaften, die wir oben beschrieben haben, sind für uns auch der praktische Grund für diese Wahl: die wärmenden Eigenschaften passen gut zu einem Schuh, der möglichst nah am eigenen Fuß funktionieren soll, und die Patina, die sich über die Zeit entwickelt, macht jedes Paar über die Nutzung hinweg ein Stück persönlicher.

Fragen zum Thema Leder oder unseren Materialien? Schreibt uns gerne.

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